Zuckerfrei

Die erste Woche ohne Zucker

Tw: Essen, Erwähnung Essstörung, nichts für meine Mama

Ich habe vor dieser Woche unzähle Erfahrungsberichte angeschaut, und die meisten hatten den gleichen Aufbau: Überraschung wo überall Zucker drinnen ist und dann in der ersten Woche eine art Entzugserscheinungen mit Kopfschmerzen, Müdigkeit und Schlafstörungen. Danach ging es immer Bergauf. Gewichtsverlust, mehr Energie ect.

So habe ich mich auf eine schwere erste Woche eingestellt. Wann würde das Bedüfnis kommen in eine Tafel Schokolade zu beißen? Wann kommt diese übertriebene Lust auf Zucker? Doch der Effekt der Zuckerverzichtes war ein ganz anderer und hat mich persönlich total überrascht: Essen war total stressfrei. Dazu muss gesagt sein, dass ich und das Thema Essen nicht besonders gut zueinander stehen. Seit ich denken kann, halte ich mich für zu dick. Seit ich denken kann möchte ich abnehmen. Meine Mutter hat ihr übriges dazu beigetragen: Meine Kindheit war geprägt von Brigitte Diät, Schlank im Schlaf und weg vom emotionalem Essen. Ich erinnere mich daran, dass Körpergewicht immer ein Thema war und ich immer mindestens ein Buch mit dem nächsten großen Tipp zum Abnehmen im Bücherregal hatte. Auch der Körper von anderen Menschen wurde nicht unkommentiert gelassen. “Die hat aber eine ganz schöne Kiste”, sagte meinen Mama einmal auf dem Schulweg über eine Klassenkameradin von mir und meinte damit, dass sie einen fetten Hintern hatte. Ich war acht.

So war es nicht überraschend, dass ich immer das Gefühl hatte so viel falsch zu machen beim Essen. Schon recht früh habe ich versucht in der Schule nichts mehr zu essen – als ein Zeichen meiner Willenskraft und um endlich abzunehmen. Irgendwann kam ich dann auf Intervallfasten – möglichst lang nichts essen und den Hunger als größten Freind zu sehen war meine Normalität. Nur dass ich dadruch nicht weniger gegessen habe: Der Hunger hat immer gewonnen und dann war meistens nur der Süßkram (meist Eiscreme) komplett frei verfügbar. Hatte ich einmal ein Eis gegessen hörte ich nicht auf bis ich vier Stück gegessen hatte – oder das Eisfach leer war. Wenn andere Süßigkeiten verfügbar waren aß ich auch die. Komplett wahllos und ohne sie wirklich zu schmecken. Ich hätte natürlich auch andere Dinge essen können, doch wenn ich mich über Äpfel oder Bananen hermachte, gab es am nächsten Morgen großes Drama, weil jetzt ja nicht mehr genug fürs Frühstück da war. Deshalb blieb ich bei den Süßigkeiten.

Als ich dann mit 18 eine Musical Ausbildung anfing, verschärfte sich das Problem. Von allen Seiten wurde mir gesagt: Du bist zu dick zum Tanzen. Du musst abnehmen. Zähl deine Kalorien. Und ich habe es versucht und tatsächlich abgenommen. Für ein paar Monate war ich in der besten Form meines Lebens. Und ich habe mich gut gefühlt. Doch meine Beziehung mit dem Essen war nicht besser geworden. Ich wusste dass ich essen musste, damit ich die sehr aktive Ausbildung schaffen konnte. Doch wenn ich Tage hatte an denen ich nichts tun musste, gab es wieder nur zwei Möglichkeiten: Sich über Süßkram hermachen, der mir schon seit Jahren nicht mehr schmeckt oder so gut wie gar nichts essen. Das war alles andere als Gesund.

Als ich dann die Ausbildung aufgeben musste, brach dieses instabile Kartenhaus in sich zusammen. Mein Essverhalten wurde noch extremer. Ich habe entweder so viel gesgessen bis ich fast gekotzt habe oder gar nichts. Das gar nichts essen wurde immer von dem Gedanken befeuert: ich bin zu dick. Ich muss nur abnehmen, damit ich mich gut fühle.

Ich habe viel dran gearbeitet und wirklich starke Fortschritte gemacht. Letztes Jahr um die Zeit habe ich zum ersten Mal angefangen wirklich regelmäßig zu essen und zwar einmal alle drei Stunden. Mit Stoppuhr. Meine chronisch kalten Hände waren plötzlich warm (Ich kann mich daran bis heute nicht gewöhnen) und obwohl ich oft nicht essen wollte, bis zu dem Punkt wo ich heulend in der Küche stand und Bissen um Bissen heruntergewürgte. Monat um Monat ging das so, bis ich mich endlich daran gewöhnt habe und das System auflockern konnte.

Der Gedanke zu fett zu sein, hat mich aber nicht los gelassen. Ich habe immer versucht möglichst wenig Olivenöl zu verwenden, kein fettigen Käse zu essen und meine Portionsgrößen klein zu halten. Zucker stand aber auf meinem Ernährungsplan, weil ich nichts mehr ausschließen wollte. Und Zucker ist wirklich nur schwer zu wiederstehen.

Cut zu letzter Woche: Am ersten Tag hatte ich das Gefühl nicht statt zu werden egal wie viel ich gegessen habe. Aber anstatt mir Vorwürfe zu machen, dass ich so viel Esse, habe ich gedacht: Ist ja kein Zucker drin. Und habe mir noch einen Teller genommen. Ich war zwar sehr müde in den ersten Tagen und habe nicht besonders viel geschlafen, aber ich hatte nicht das Gefühl, dass es mit dem Zuckerverzicht zu tun hatte, sondern eher, dass die Weihnachtszeit für mich eine emotional schwierige Zeit ist. Generell ging es mir gut. Am dritten Tag habe ich plötzlich gemerkt, wie intensiv mein Tee schmeckt. Zum ersten Mal musste ich dran denken, den Teebeutel herauszunehmen, damit er nicht zu stark wird. Und ich war satt. Es hat mich wahnsinnig genervt, da ich mir angewöhnt habe bei Frust zu essen. Und dann konnte ich aber nichts mehr essen, weil ich so gestättigt war. Ich habe mich so an diesen leisen Hunger gewöhnt, der immer im Hintergrund ist, dass mich dieses Gefühl komplett verwirrt hat.

Dazu sei gesagt, dass sich das nicht gehalten hat, weil es mir über Heilig Abend nicht gut ging und ich dann in meinem zweiten Default mode gesprungen bin: Einfach kaum noch zu essen (ein bisschen was habe ich runterbekommen, aber nicht ansatzweise genug um mich satt zu machen). Und dann sind auch noch die Lebensmittel im Haus zu neige gegangen und am ersten Tag an dem die Supermärkte wieder aufmachen wollte ich jetzt nicht wirklich einkaufen gehen.

Ich habe auch viel mehr Motivation zu kochen. Zumindest jetzt ist die Essen = Böse Verbindung in meinem Hirn nicht mehr so stark und das macht es mir so viel leichter mir etwas zu essen zu machen und neue Rezepte auszuprobieren. So habe ich zum Beispiel gelernt wie man Brot backt, weil im meisten abgepackten Brot Zucker enthalten ist. Selber Gnocchi zu machen steht für die nächste Woche auch noch auf meiner Liste und ich bin gespannt was sich über die nächsten Wochen und Monate noch so beim Thema ernährung bei mir ergibt.

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