Begegnungen in der Bahn

Fünfzehn Minuten

Vor einer ganzen Weile ging ein Bettler durch den Zug. Es ist nie schön, einen Menschen am Abgrund zu sehen, doch in Hamburg am Ende des Monats ist die Erscheinung komplett alltäglich. Manchmal gebe ich diesen Menschen etwas, Kleingeld oder einen Müsliriegel, manchmal schaue ich auch einfach weg, wenn dieser Mensch kommt und hoffe, dass er bald an mir vorbeigeht.

An jenem Tag tat ich letzteres. Meine Nerven waren zum Zerreißen gespannt, denn ich war das erste Mal auf dem Weg in die Universität, um die Menschen kennenzulernen, mit denen ich in den nächsten drei Jahren meinen Bachelor bestreiten soll. Ich war mir unsicher, ob ich es schaffte Leute kennenzulernen und mit irgendjemandem ins Gespräch zu kommen. Was, wenn ich einfach zu komisch war? Was wenn ich alleine und außen vor enden würde? Ich war nicht wirklich an dem Bettler interessiert, der genervt durch den Zug stapfte und versuchte irgendwo sein Frühstück herzubekommen. Ich saß mit zwei anderen Menschen in meinem Alter zusammen. Ein junger Mann und eine junge Frau, die sich offensichtlich nicht kannten und voneinander ebenso wenig Notiz nahmen wie ich von ihnen. Und da passierte etwas, das ich in der S-Bahn so noch nicht erlebt hatte. Der Bettler wurde wütend. Ich erinnere mich noch vage, dass er Wörter wie “Doppelter Geitzzug” vor sich hin zischte. Hatte ich bis eben noch Mitleid mit dem Mann gehabt, dann spätestens an jenem Punkt nicht mehr. Niemand ist verpflichtet einem Wildfremden etwas zu geben und wenn man aggressiv auftritt, erstirbt auch schnell das Mitgefühl. Auf jeden Fall wurde von seinen Bemerkungen ein anderer Fahrgast wütend. Ich habe nicht allzu viel mitbekommen, aber kurz darauf waren die beiden Männer kurz davor sich zu schlagen. Alle Unbeteiligten in der S-Bahn schienen kollektiv die Luft anzuhalten. War es jetzt schon Zeit dazwischenzugehen? Niemand wollte in das Kreuzfeuer der Beiden geraten.

Schließlich stiegen die beiden aus. Ich weiß nicht ob es war um die Polizei zu rufen oder sich zu prügeln (oder beides), doch es gab ein kollektives Aufatmen in der S-Bahn. Auch den beiden gegenüber von mir ging es auch so. Das Gespräch hat sich dann wie aus dem Nichts entwickelt. Plötzlich waren wir nicht mehr nur Leute die darauf warteten, von A nach B transportiert zu werden, nein wir hatten etwas zusammen erlebt. Wir sprachen darüber, wie unangebracht die Situation war und gleichten unsere Wahrnehmung eben dieser ab. Dinge, die man tut, wenn man etwas einordnen möchte. Wir kamen alle zusammen zu dem Schluss, dass die Wut beider Männer irgendwo verständlich war, aber der Umgang mit dieser nicht akzeptabel. Wir haben auch noch über andere Dinge geredet. Was wir so machen, wo wir hinfahren und ähnliche Geschichten. Wir haben einander nicht nach unseren Namen gefragt – warum auch? Uns allen war bewusst, dass wir uns nach dieser kurzen Fahrt nie wieder sehen werden. Die junge Frau machte eine Ausbildung zur Arzthelferin und der junge Mann arbeitete im Bau, soweit ich mich erinnerte. Die beiden Leben konnten nicht unterschiedlicher zu meinem sein und normalerweise hätte ich wenig Überschneidungen mit ihnen gehabt hätte. Doch für fünfzehn Minuten waren wir Bekannte. Für fünfzehn Minuten waren wir eine kleine Gruppe, die sich unbefangen unterhielt.

Dann waren die fünfzehn Minuten um und wir alle gingen unserer Wege. Die Arzthelferin nach Hause, der Bauarbeiter zum Amt, wenn ich mich richtig erinnere, und ich zu einem Kennenlernen in der Uni, wo ich es mehr oder weniger gut schaffte einen Abend lang Smalltalk zu halten.

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